„RichterInnen treffen tagtäglich gravierende Fehlentscheidungen“

Mainzer Elternverein setzt sich für Kinderrechte und sofortige Wende im Familienrecht ein

„Mama auch, Papa auch“ -Aufkleber auf einer Mainzer Vespa (Foto: report)
„Mama auch, Papa auch“ -Aufkleber auf einer Mainzer Vespa (Foto: report)

Mittwochabend, 18.52 Uhr. Es regnet. Ich fahre mit meiner schwarzen Vespa zum „Treffpunkt Marienborn“ in Mainz. An mehreren Autos vor dem kleinen Raum neben der Pizzeria „Da Raffaele“ kleben bunte, fröhliche Aufkleber: „Papa auch“, „Mama auch“ oder auch „Allen Kindern beide Eltern“. Die Gegend in Marienborn wirkt so, als würden hier viele arme Mainzer Bürger leben, viele Hochhäuser. Ich gehe durch den Regen in den kleinen Raum, in dem 14 Personen schon Platz genommen haben. Vorne am Tischende begrüßt mich freundlich „der Elmar“, der Vorsitzende des Mainzer Elternvereins „Väteraufbruch für Kinder“. Neben Elmar Riedel sitzt Jürgen Alt, auch im Vorstand des Vereins.

 

                                                                                                                 report Reportage

 

„Eins vorweg“, sagt Elmar. „Zu unseren offenen Treffen sind sowohl Mitglieder als auch alle Rat suchenden Mütter und Väter sowie Kinder und Großeltern herzlich willkommen.“ Die meisten heute im Treffpunkt Marienborn sind Väter, aber auch drei Mütter und sogar ein Rechtsanwalt sind anwesend. Ein Papa hat seine neue Partnerin und seinen Sohn mitgebracht. „Der Jürgen“ erklärt kurz, wie die Treffen ablaufen. Jeder stellt sich kurz vor und sagt, ob er nur zuhören oder über seinen Fall sprechen möchte. Zwei Väter und eine Mutter möchten sprechen und sich beraten lassen. „Danach gehen wir noch in die Pizzeria, wer Lust hat kann gerne mitkommen“, ergänzt Elmar.

 

"Als ob man mir das Herz herausgerissen hat"
Ich selbst will nur zuhören, bin aufgeregt, war noch nie bei solch einem Treffen. Niclas-Ole P.*, ein bis vor zwei Monaten alleinsorgeberechtigter Vater aus Mainz-Hechtsheim beginnt. Er ist den Tränen nahe. „Ich verstehe den Beschluss nicht. Warum darf ich meine Söhne nicht mehr sehen?“ Pia Johannson, ein Mitglied des Vereins, geht empathisch auf den Vater ein und erklärt, dass „RichterInnen tagtäglich gravierende Fehlentscheidung treffen – mit verheerenden Folgen für die Kinder und die Eltern.“ Der Vater beginnt hemmungslos zu weinen. Er schluchzt: „Ich fühle mich als, ob mir die Richterin mein Herz herausgerissen hat.“ Stille. Elmar bietet an, sich den Gerichtsbeschluss der Mainzer Richterin genauer anzuschauen. „Das kommt mir auch sehr komisch vor“, sagt er. „Ich habe damals auch gelitten, war physisch und psychisch nahezu am Ende.“ Niclas-Ole weint hemmungslos weiter. Er ist nicht mehr in der Lage, weiter zu berichten. Ich möchte am liebsten aufstehen und ihn in die Arme schließen. Elmar sagt: „Als ich damals die Schriftsätze vom Gericht, Verfahrensbeiständin und gegnerischen Anwalt bekam, erweckte das den Eindruck, ich sei von jetzt auf gleich vom guten Vater und Bürger zum Monster geworden.“

 

Elmar Riedel: Jugendämter versagen oft
„Die meisten schlimmen Fehler vom Gericht passieren gleich in der Anfangsphase“, erklärt Jürgen, der in der tief ergreifenden Stimmung zum Glück sachlich wirkt. Er vergleicht dies mit Eltern, die über den Tod ihrer Kinder trauern. „Auch wir Trennungseltern verlieren unsere Kinder.“ Elmar meint, dass offizielle Einrichtungen wie Jugendamt, Beratungsstellen, Rechtsanwälte, Richter und Gutachter oft versagen.

 

Als Nächste berichtet Katharina P.*, die mit ihrem Sohn in Mainz wohnt, aber keinen Kontakt mehr zu ihrer Tochter hat. Zur Konfirmation ihrer Tochter soll es ein Wiedersehen der ganzen Familie geben. In dem auch höchst traurigen Fall geht es heute aber nur um die Sitzordnung in der Kirche. Wer darf in der ersten Reihe sitzen? Wo sitzt der Rest der Familie?

 

Nun mische ich mich doch ein und frage, was sich bei Gericht ändern muss. „Wir fordern eine sofortige Wende im Familienrecht“, sagt Jürgen ernst. „Ein gesetzliches Leitbild der Doppelresidenz, des Wechselmodells.“ Elmar schaut auf die Uhr. „Ja ganz einfach“, ergänzt er. „Allen Kindern beide Eltern.“ Der dritte Fall kann heute nicht mehr besprochen werden. Elmar und Jürgen gehen noch zu „Da Raffaele“, eine Mama, zwei Väter und auch ich gehen einfach mal mit… (report)

 

 

* Namen von der Redaktion geändert

Hintergrund: der Mainzer Verein „Väteraufbruch für Kinder“

·        Der Kreisverein „Väteraufbruch für Kinder Mainz“ wurde 2004 gegründet

·        Das einfache Motto lautet: Allen Kindern beide Eltern

·        Der Verein fordert eine sofortige Wende im Familienrecht

·        Er ist Mitglied im „Mainzer Bündnis für Kinderrechte“

·        Der Verein hat etwa 100 Mitglieder

·        Der Verein berät geschlechterneutral

·        Der Verein lädt monatlich zu Offenen Treffen im „Treffpunkt Marienborn“, Am Sonnigen Hang 8-12, in Marienborn ein

·        Mehr Informationen unter: www.vafk.de/mainz

Diese Reportage von "report - das Gerichtsmagazin für die Stadt Mainz" ist in der Ausgabe 3/2020 erschienen (Mai 2020)

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report - das Gerichtsmagazin für die Stadt Mainz 3/2020 (Mai 2020)
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